Gemeinde Wilstedt

Homepage der Gemeinde Wilstedt anlässlich der 1150-Jahr-Feier im Jahre 2010


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1945 hatte Wilstedt vier Bürgermeister

Von Hermann Burfeind


Hermann Cordes

Es war ein klarer, aber kalter Wintersonntag, der 31. Dezember 1944. Zu dem Zeitpunkt dachte in den deutschen Ostgebieten noch niemand daran, dass Wilstedt einmal ihre Heimat werden könnte. Am Nachmittag wurde über der Wilstedter Feldmark (Häuslingsweiden, Ochsenweiden) ein englisches Flugzeug abgeschossen, die Piloten konnten sich durch einen Fallschirmabsprung retten. Beide wurden von den Wilstedter Dorfbewohnern gefangen genommen und dem Bürgermeister Hermann Cordes (genannt Schors Vadder) zum Verhör vorgeführt.

Gegen Ende Januar und später noch im Februar kamen zwei Züge mit den ersten Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten. Bei der Ankunft des zweiten Flüchtlingszuges auf dem Wilstedter Bahnhof gab es einen Tieffliegerangriff und alle Anwesenden mussten schnell Deckung suchen. Zum Glück gab es keine Opfer. Der Bürgermeister musste alle Flüchtlinge im Dorf unterbringen. Am 08. März 1945 kam die letzte Flüchtlingsgruppe als Treck mit Pferd und Wagen in Wilstedt an. Mit Mühe und Not gelang es Bürgermeister Cordes auch alle diese Leute und Pferde unterzubringen.

Im alten Vogtshaus (damals Hauptstr. 18) wohnte damals der ausgebombte Farbenhändler Udo-Karl Gubele aus Bremen. Schon im Februar äußerte sich Gubela meinem Vater Fritz Burfeind gegenüber, dass es nach der bevorstehenden Kapitulation einen neuen Bürgermeister geben werde. Es sei auch schon bekannt, wer das sein werde.

Am 29. April 1945 fiel Wilstedt nach Artilleriebeschuss an die Engländer. Durch die Kampfhandlungen und durch den Beschuss wurden 14 Häuser zum Teil schwer beschädigt oder ganz zerstört. Auch das Bürgermeisteramt (beim Bürgermeister Cordes, heute Bahnhofstr. 13) brannte aus und ein Teil der Akten wurde vernichtet. Daher war nach der Kapitulation eine der ersten Aufgaben für die Bürgermeister, neue Einwohnerlisten zu erstellen. Bei den Kampfhandlungen waren außerdem zwei Scheunen abgebrannt (an der Moorstraße und an der Flakstraße). Dort hatten sich deutsche Soldaten versteckt gehalten.

Dr. Hans Roempler und Udo-Karl Gubela

Die Militärregierung setzte Dr. Hans Roempler als ersten und Udo-Karl Gubela als zweiten Bürgermeister ein. Sie ernannte auch einen neuen Gemeinderat. Natürlich kamen nur Bürger in diesen Gemeinderat, die nicht in der NSDAP gewesen waren, z. B. Wilhelm Heise, Hinrich Meyer, Heinrich Fittchen, Hinrich Schröder (ehemaliger Bürgermeister und Vater des späteren Bürgermeisters Johann Schröder), Hermann Heitmann, Heinrich Timken, Johann Windler und Friedrich Joachim.

Wer auch immer die Hand im Spiel gehabt haben mag bei der Auswahl der Bürgermeister: ich vermute, der Pole mit der französischen Staatsangehörigkeit, Stanislaus Rataizki, der bei Heinrich Gebhard im Büro arbeitete, der fünf Sprachen beherrschte und der später Gemeindesekretär wurde, hatte das Vorgehen vorher mit Udo-Karl Gubela und Dr. Hans Roempler abgesprochen. In den letzten zwei Kriegswochen hatte Dr. Hans Roempler seine Ehefrau, Mutter von vier Kindern, auf der Autobahn nach Hamburg, bei einem Tieffliegerangriff verloren. Dr. Hans Roemplers Zeit als Bürgermeister dauerte nur 14 Tage. Die Gründe für seine schnelle Amtsenthebung sind heute nicht mehr zu ermitteln. Nun wurde Udo-Karl Gubela Wilstedter Bürgermeister. Seine erste Äußerung im neuen Amt wird so überliefert: „Nun will ich erst einmal für mich sorgen.“

Gemeindebüro im Brockmannschen Haus

Das Gemeindebüro wurde in das Brockmannsche Haus (heute Benstein) verlegt, wo auch der Bürgermeister eine Wohnung bezog. Insgesamt war die Dorfbevölkerung mit diesem Bürgermeister nicht recht zufrieden. So hatte er meinen Vater sofort nach dem Umzug beauftragt, die Briketts zu holen, die noch bei der Firma Gebhard lagen, um sie im Keller des Bürgermeisters zu lagern. Mein Vater hat aber nicht alle Brikett-Vorräte abgefahren. Der Bäckermeister Friedrich-Wilhelm Benstein schüttelte nur den Kopf: „Wir haben nichts zu heizen und der Bürgermeister hat den Keller voll Briketts.“

Bürgermeister Udo-Karl Gubela, Stanislaus Rataizki und Christa Schulz waren im neuen Gemeindebüro tätig. In den Monaten Mai und Juni 1945 wurde die gesamte Einwohner-Melde-kartei neu eingerichtet, weil die alte Kartei bei den Kampfhandlungen vernichtet worden war. Altbürgermeister Hinrich Schröder schlug im Juni 1945 vor, nach Fertigstellung der neuen Einwohner-Meldekartei einen neuen Bürgermeister einzusetzen.

Johann Schröder

Am 01. Juli 1945 war es dann so weit: der nach Kriegsende eingesetzte Gemeinderat legte Udo-Karl Gubela den Rücktritt nahe. Er sollte den Weg ins Bürgermeisteramt freimachen für den damals 35jährigen Johann Schröder, der mit einer Beinamputation aus dem zweiten Weltkrieg zurück gekommen war. Schweren Herzens folgte Gubela der Forderung zum Rücktritt. Dadurch wurde Johann Schröder im Jahre 1945 der vierte Bürgermeister Wilstedts. Er sollte es für lange Zeit bleiben. Bis zum 22. November 1976 hatte er das Ehrenamt inne. Mit Bürgermeister Johann Schröder erlebte Wilstedt einen gewaltigen Aufschwung.

Vorerst blieb das Gemeindebüro im Brockmannschen Haus, mit Bürgermeister Johann Schröder, Stanislaus Rataizki und Christa Schulz. Doch im Oktober 1945 kam das Gemeindebüro in die Bahnhofstraße, in das Haus der Familie Schulz, Stanislaus Rataizki zog wieder nach Frankreich zurück. Noch im Oktober 1945 ersetzte Elfriede Tiedemann Stanislaus Rataizki als neue Gemeindesekretärin. Sie wurde später zweite Ehefrau von Johann Schröder.

Die abgebrannten Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut. Zuletzt wurde der Viehstall von Johann Schnackenberg am 01. September 1951 gerichtet. Nach der Fertigstellung des Gebäudes ließ Johann Schnackenberg diese Inschrift am Giebel anbringen: „Möge nie wieder der Tag erscheinen, wo die grauen Kriegshorden dieses stille Tal durchtoben.“







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