Gemeinde Wilstedt

Homepage der Gemeinde Wilstedt anlässlich der 1150-Jahr-Feier im Jahre 2010


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Wilstedt von 860 bis 1945 (Teil 1)

Nach einem Manuskript des Kreiskulturpflegers A. Bachmann (Bremervörde) 

Wilstedt und seine Verbindungen zu den Nachbargemeinden um 1764
Wilstedt und seine Verbindungen zu den Nachbargemeinden um 1764
Wilstedt und seine Verbindungen zu den Nachbargemeinden um 1764
Wilstedt und seine Verbindungen zu den Nachbargemeinden um 1764

Im Südteil des Landkreises Bremervörde liegt Wilstedt. Das Dorf ist sehr alt. 860 n.Chr. lässt es sich urkundlich nachweisen. Als Lebens- und Siedlungsraum von Menschen ist es jedoch viel älter. Bodenfunde deuten in die vor- bzw. frühgeschichtliche Zeit zurück. Die ältesten Menschenspuren in der Wilstedter Gemarkung stammen aus der ausgehenden älteren und mittleren Steinzeit (etwa 15 000 bis 3000 J. v. Chr.). Es handelt sich bei diesen Spuren um so genannte Flintplätze oder Feuersteinschlagstellen, an denen die „Feuersteinmeister' der damaligen Zeit Flintgeräte herstellten: verschiedenartige Schaber, Pfeilspitzen, Eckstichel, Kleingeräte (Mikrolithen) und messerartige Schneidwerkzeuge. Ein solcher Platz wurde am Rande des Wilstedter Moores entdeckt. Die Menschen aus jener Zeit bevorzugten die Anhöhen für ihren vorübergehenden Wohnaufenthalt. Sie waren Sammler und Jäger, lebten von der Jagd und vom Wildfrüchtesammeln.

Ganz sichere Kunde gibt es aus der jüngeren Steinzeit (3000 bis 1800 J. v. Chr.). Damals wurde unsere Gegend von den Großsteingräberleuten bewohnt. Sie bestatteten ihre Toten in so genannten „Hünengräbern'. Es waren Familien- oder Sippengrabstätten. In Steinfeld gibt es noch heute Reste solcher Gräber und ein ziemlich gut erhaltenes, freigelegtes Grab. Auch in Bülstedt und Tarmstedt gab es solche Grabstätten. Findlinge eines Tarmstedter Grabes sind als Fundamentblöcke in der Wilstedter Mühle verbaut worden.

Gegen Ende der jüngeren Steinzeit wurden die Großsteingräberleute von den Einzelgrableuten unterwandert. Auch die Feldmark Wilstedt bewohnten sie. Ein Becher mit Schnurverzierung beweist diese Behauptung. Er wurde 1953 bei Erdarbeiten für den Bau der neuen Schule gefunden. Auf dem jetzigen Schulhof lag ein Einzelgrab der „Schnurkeramiker'. Leider war es bei der Entdeckung bereits zerstört. In der Wullenheide zwischen Wilstedt und Vorwerk legte Dr. G. Jacob-Friesen im Jahre 1956 eine ganze Reihe solcher Einzelgrabhügel frei. Dabei wurden mehrere Becher, Bernsteinperlen, Feuersteinklingen, eine Streitaxt sowie ein Steinbeil geborgen. Beide Menschengruppen waren sesshafte Bauern. Sie bevorzugten die Nähe der Flusstäler und -senken als Siedlungsplätze und trieben Feld- und Gartenbau. Auf ihren Feldern wuchs Hafer, Gerste, Weizen und Hirse. In den Gärten zogen sie Wurzeln, Rüben, Erbsen und Linsen. Sie züchteten aber auch schon Vieh: Rinder, Schafe und Ziegen. Ferner dürften bereits Gänse von ihnen domestiziert worden sein. Weitere Bodenfunde aus dieser Epoche sind beim Kriegsende verloren gegangen. Im Stader Museum sollen noch zwei Dolche aufbewahrt werden. Die erwähnten Funde lassen den Schluss zu, dass es schon damals eine kleine Siedlung in Wilstedt gegeben hat, ein Dorf mit wenigen Höfen. Die Ried gedeckten Holzhütten besaßen Fachwerkwände mit Flechtwerk. Die einzelnen Wandfächer wurden mit Lehm verstrichen.

Aus der Bronzezeit (1800 bis 800 J. v. Chr.) liegt ein Fund aus Wilstedt im Kreismuseum Bremervörde. Es handelt sich um ein so genanntes Randleistenbeil, eine Frühform der Bronzebeile für knieförmig gebogene, gespaltene Stiele. Es wurde 1956 beim Ausgraben von Kartoffelkuhlen entdeckt. Karl Timken fand es auf seinem Gartengrundstück hinter dem Haus.

Um Christi Geburt bewohnte der Germanenstamm der Chauken unser Gebiet. Funde aus dieser Zeit liegen in Wilstedt nicht vor, in den Nachbarorten sind jedoch einige entdeckt worden. Etwa 3 Jahrzehnte lang gehörte unsere Gegend, das Gebiet zwischen Weser und Elbe, zum Römerreich.

Von 150 nach Christi Geburt an wanderten die Altsachsen in unsere Gegend ein, sie gaben ihr den Namen (Niedersachsen). Die Wanderer kamen aus West- und Mittelholstein. Übermäßig starke Regenfälle und ein erhebliches Absinken der Durchschnittstemperaturen vertrieben sie aus ihrer alten Heimat. Die Sachsen glaubten als Germanenstamm an die Götter Donar, Freya, Wodan und Ziu. In diese Einwanderungszeit verlegen einige Siedlungsforscher die Gründung der alten Geestdörfer mit der Endung „-stedt'. Die Zeit der Einzelsiedlungen ging zu Ende, die Sachsen bevorzugten nun die Anlage geschlossener Ortschaften. Wilstedt gehörte zum Gau „Waldsati'. Urnenfunde aus diesem Zeitabschnitt liegen nicht vor.

Die älteste urkundliche Erwähnung von Wilstedt stammt aus dem Jahre 860 n. Chr. Der Ort hieß damals „Willianstede'. (Der Name ist sicherlich sächsischen Ursprungs. ,,Willian' war ein germanischer Personenname und bedeutete „Der Wollende'. Er bildete eine Ableitungsform von „weljan' (=wollen). Namen dieser Herkunft konnten bis in das 5. Jahrhundert hinein nachgewiesen werden. Spätere abgewandelte Formen unseres Dorfnamens sind Willenstede, Willingstede, u. a.)

Unter Kaiser Karl dem Großen (768-814) begann die Christianisierung der Germanenstämme. Es kam zu dem 30jährigen Krieg gegen die Sachsen. Diese leisteten unter ihrem Herzog Widukind hartnäckigen Widerstand. Eine Sage berichtet, dass der Schlusskampf 796 auf der Wullenheide zwischen Vorwerk und Wilstedt stattfand und der folgende Diktatfrieden im Vredeholt bei Ottersberg geschlossen wurde. Karl hat jedoch 797 noch einen Kriegszug gegen unsere Vorfahren durchgeführt, die sich abermals erhoben. Dieser Zug führte ihn bis nach Altenwalde im Gau Wigmodi. Anschließend begann er mit der Umsiedlung der besiegten Hauptgegner und holte dafür fränkische Landsleute in unsere Gegend. Frankenburg bei Lilienthal, Franzhorn bei Brillit, Frankenbostel bei Zeven und andere Namen erinnern daran.

Schon während des Krieges begann die Bekehrung der Unterworfenen. Der angelsächsische Missionar Willehadus oder Willehad wirkte in unserer Gegend. Für seine Verdienste ließ ihn Karl, der damals noch König war, im Jahre 787 zum Bischof weihen. Zwei Jahre später verstarb Willehard. Er wurde im Bremer Dom begraben. Vielleicht erbaute man in dieser Anfangszeit der Christianisierung bereits ein Oratorium, eine kleine Betkirche, in Wilstedt sowie größere Kirchen in Selsingen und Sottrum. Etwas später entstanden im Gau Waldsati noch die Kirchspiele Otterstedt, Wilstedt und Rhade. Bremen wurde 805 Bischofssitz. 847 entstand das Erzbistum Hamburg-Bremen. Ansgar, der Apostel des Nordens, wurde erster Erzbischof (847-865). Er verfasste eine Schrift, die „Miracula'. Darin berichtet er über Wunder, die sich am Grabe des heiligen Willehadus im Bremer Dom zugetragen haben sollen. 

Ein Exemplar dieser Handschrift ist in Hamburg während des Krieges verbrannt, ein zweites liegt im Staatsarchiv Münster. In dieser „Miracula' erwähnt Ansgar eine Frau Ikkia aus Willianstede. Sie war 7 Jahre blind. Um Heilung zu finden, pilgerte sie an das Grab des heiligen Willehad im Bremer Dom. Als sie dort betete, wurden ihre Augen wieder sehend. Das geschah im Jahre 860. Auf dieses Datum greift Wilstedt für seine Jubiläums-Jahrfeier zurück. Dies ist die erste urkundlich nachweisbare Erwähnung des Ortsnamens Wilstedt. Nach der Übersetzung von M. Laurent *) lautet dieser Bericht folgendermaßen:

„Endlich lebte unter den Waldsaten im Dorfe Willianstedi ein Weib, Namens Ikkia, welche sieben Jahre lang an Blindheit litt. Da nun das Gerücht von den zu Bremen geschehenden Wundertaten ihr immer häufiger zu Ohren kam, so forderte eine Nachbarin sie auf und sprach: „Warum willst Du's nicht auch einmal mit dem Heiligen versuchen, damit auch Dir die Augen wieder hell und klar werden?“ Sie antwortete, das wolle sie sehr gerne, allein ihrem Herzenswunsche stehe nur das im Wege, dass sie keinen Führer habe. Da erwiderte jene: „Nun, wenn Du niemand anders hast, so will ich Dich so gut ich kann dahin führen.“ Die Blinde nahm dieses Anerbieten, da sie sich nicht anders zu helfen wusste, mit dem größten Danke an. Sie waren in dess beide sehr arm. Sie machten sich also, sie beide ganz allein, auf den Weg und gelangten auch unter Gottes gnädiger Leitung zuletzt in das Heiligtum. Als sie dort voll Andacht beteten, bekam die Blinde plötzlich ihr Gesicht wieder, und wendete sich lächelnd und dankerfüllt zu ihrer Gefährtin hin mit den Worten: „Ach, wie herrlich, wie herrlich ist es, dass ich auf Deinen Rat gehört und die Hülfe des Heiligen gesucht habe; siehe, jetzt sehe ich ebenso klar wie Du das Licht des Himmels. Dieses Ereignis ward sogleich öffentlich bekannt und erfüllte die Herzen mit hoffnungsvollem Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit; denn der Herr ist, wie der Psalmist sagt, hienieden arm und verlassen gewesen. Darum ist er auch selbst des Armen Schutz in der Noth; auch wird er nie aufhören, den Unmündigen und Weisen ein stets bereiter Helfer zu sein. Nachdem sie also das Licht der Augen wieder erhalten hatte, kehrte sie, nun nicht mehr geführt, sondern blos begleitet von ihrer Gefährtin, gesund heim in ihre Hütte, während sie des Herrn Lob unablässig sang und die glücklichen Rathschläge ihrer Genossin voll Dankbarkeit lautpreisend verkündete.'

Um 1060 ist Wilstedt wieder genannt worden. Die Gräfin Willa von Oldenburg (Ehefrau des Grafen Huno, dieser wird 1059 in der Gründungsurkunde zur Rasteder Kirche durch den Hamburger Erzbischof Adalbert genannt) baute in Wilstedt ein festes Haus. Mündliche Überlieferung und aus gepflügte Steinreste auf dem Klusberge legen die Vermutung nahe, dass das genannte Gebäude auf dieser Anhöhe stand. Eine örtliche Sage berichtet sogar von einem Kloster auf dem Klusberge. Vielleicht hat nach dem Verfall des Hauses noch ein Einsiedlermönch in den Ruinen gewohnt, eine „Klause' dort gehabt. So könnte der Name Klusberg entstanden sein. Im gleichen Jahre stiftete Gwilla nach einer schriftlichen Überlieferung auch die Wilstedter Kirche. Wahrscheinlich hat sie aber einen bereits vorhandenen Holzbau durch einen Bau aus Findlingen ersetzen lassen. Es ist möglich, dass die Felssteine im Fundament der jetzigen Kirche, die 1722 errichtet wurde, noch von dem damaligen Bau stammen.
1124 besaß das Kloster Rastede einige Höfe in Wilstedt (damals Willinstede) und Buchholz (damals Bockholt). In diesem Kloster sind Gwilla und ihr Gemahl Huno begraben, sie hatten es 1057 gegründet. Sicherlich waren sie es, die dem Kloster Rastede die Wilstedter Güter schenkten.

Das Kloster besaß lange Zeit das Patronat über Kirche, Pfarre und Küsterei zu Wilstedt. Nach der Säkularisierung ging dieses auf die Landesherren von Oldenburg über. Letzter Patron bis 1923 war der Großherzog von Oldenburg.

Um 1200 trat eine Familie von Willenstede auf. Sie benannte sich nach unserm Dorfnamen Wilstedt. 1230 besaß ein Bartolt von Willenstede das „Vorwerk to Willenstede', das „dorp to bockholte' und die Fischerei in „widdesghuden' (Fischerhude) als Lehen der Grafen von Hoya. Dieses Vorwerk Wilstedt war wohl ein Wirtschaftshof der Burg in Ottersberg. Möglicherweise ging einer der ältesten Höfe in unserem Heimatort daraus hervor. Etwa 150 Jahre später gab es in Stade mehrere Familien mit dem Namen von Wilstede. Es ist anzunehmen, dass es sich bei ihnen um Nachkommen der von Willenstede handelte.

1232 wird Wilstedt in einer Schenkungsurkunde des Erzbischofs Gerhard II. erwähnt. Dieser schenkte das Land für die Gründung des Zisterzienserklosters Lilienthal. Bei der Angabe der Grenzen dieses Grund und Bodens steht auch der Name Wilstedt.

1258 wurde schon in der Wörpe gefischt. Das geht aus einer weiteren SchenkungsUrkunde hervor. Mangold von Vörde besaß „Fischwasser“ zwischen Wilstedt (Willistedt) und Trupe. Er vermachte dieses Gewässer mit einem Jahresertrag von 6 Stiegen Aalen dem Kloster Lilienthal. 1259 besaß das Kloster Lilienthal das Eigentum an drei Hufen Ackerland in unserm Jubiläumsort (Willigstede). 1267 und 1290 schenkte das Kloster Rastede dem Kloster Lilienthal das Obereigentum an einem bzw. an zwei Häusern in Wilstedt.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts besaß das braunschweigisch-lüneburgische Adelsgeschlecht von Escherden (Escherte oder Aschen) die Wilstedter Wassermühle. Diese lag etwa 300 m nördlich der jetzigen Mühlenanlage an der rechten Straßenseite 30 bis 40 m vor dem Haudammsgraben. Bodenfunde verrieten vor etwa 2 Jahren erst den genauen Standort der alten Mühle. Die Wörpe verlief damals auch weiter nördlich an dem Mühlengebäude vorbei. Das Obereigentum hatte das Kloster Rastede. Eine wallartige Anlage in der Nähe der jetzigen Mühle legt die Vermutung nahe, dass hier eine Wasserburg der von Escherden lag. Das Geschlecht stammte aus Escher-Camp im Bezirk Hildesheim. Im Jahre 1318 schenkten die Brüder Martin und Inschen von Escherden die Mühlenmeierrechte dem Kloster Lilienthal. Das Kloster. musste als Gegenleistung Seelenmessen für ihre verstorbenen Eltern halten. 1356 trat auch das Kloster Rastede seine Eigentumsrechte an der Mühle ab. Das Lilienthaler Kloster erhielt auch diese.

Um 1325 besitzt eine Ritterfamilie von Aumund Zehnte in Wilstedt als Lehen des Stiftes Verden.
1338 überlässt Martin von Escherden dem Kloster Lilienthal zu einer Leibrente für seine Tochter Beatrix Güter in Wilstedt (für 35 Mark).

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gab es starke Unruhen in den Stiften Bremen und Verden. Das Gedankengut des Hussitentums breitete sich bis in die Grafschaft Ottersberg, Vörde, Rhade, Wilstedt aus. Die vom Herrenübermut geplagten Bauern legten dieses Gedankengut dahingehend aus, die Kirchenmacht zu zerschlagen und sich von alten Zins- und Fronketten zu befreien. Die Zehntabgabe wurde verweigert. Auch Wilstedter Bauern wurden aufsässig. Besonders heftig brandete der Freiheitswille im Marschgebiet des Landes Wursten auf. Die „Schwarze Garde', ein berüchtigter Söldnerhaufen, der schon allen möglichen Fürsten und Herren gedient und auf vielen Schlachtfeldern Europas gefochten hatte, brach den Widerstand. 1499 zog der Haufen nach dem Land Wursten. Auf dem Wege dorthin zerstörte die Soldateska u. a. die Klöster von Buxtehude und Zeven. Auch Ortschaften im Nordteil des Amtes Ottersberg wurden gebrandschatzt und geplündert. Die Garde marschierte durch Rhade, Glinstedt und überschritt bei Karlshöfen den Moorpass auf Knüppeldämmen. Ein Jahr später erging es ihr allerdings schlecht, als sie zusammen mit einem Ritterheer im Dienste des Herzogs Johann von Schleswig-Holstein, der auch dänischer König war, die Dithmarscher Bauern zur Räson zwingen wollte. Unter den Rufen der Bauern „Wohr di, Garde, de Bur, de kummt!' verhauchten viele Gardisten ihr Leben bei Hemmingstedt im zähen Marschenschlick und in dem brackigen Wasser der tiefen Gräben, unter den Forkenstichen, den Dreschflegelhieben und den Sensenschnitten der todesmutigen Bauern.

Schon damals begann in unserer Gegend die Landflucht. Mancher hörige Bauer und vor allem deren Söhne aus Wilstedt und den Nachbarorten zogen nach Bremen, denn die „Stadtluft machte frei'.

Etwa 1560 hielt die Lehre Luthers Einzug in das Amt Ottersberg und somit auch in die Amtsvogtei Wilstedt, nachdem es im Schmalkaldischen Krieg 1546 in unserem Gebiet wieder unruhig geworden war.

Auch der 30jährige Krieg überzog unsere Gegend. Bauernsöhne unserer Heimat fochten auf der Seite Christians IV. von Dänemark und der Schweden für die protestantische Sache gegen die kaiserlichen Truppen. 1626 drangen die letzteren in unser Land ein. Sie wurden nach 1630 wieder vertrieben. 1630 landete Gustav Adolf von Schweden an der Ostseeküste. Tilly wurde geschlagen. 1632 räumten die letzten kaiserlichen Landsknechte unter Pappenheim unsere Heimat. Nach einigen ruhigeren Jahren gab es 1638 wieder Kriegsnot. Der kaiserliche General Gallas zog mit 6000 Mann aus dem Verdenschen über Fischerhude, Quelkhorn, Buchholz, Wilstedt weiter bis vor die Gnarrenburger Schanze. Der Verteidiger, Erzbischof Friedrich, erwartete hier den Gegner. Die Bewohner Wilstedts sowie der Nachbardörfer flohen mit ihrem beweglichen Hab und Gut und mit dem Vieh in das nahe Moor. Die verrohten Kriegsknechte peinigten und quälten die Zurückgebliebenen, plünderten und steckten Höfe in den Durchzugsorten in Brand. Der Erzbischof hielt den Moorpass. Er erkaufte sich durch Geld den Abzug der Kaiserlichen. Friedrich beschwerte sich bei dem Kaiser über die Gräueltaten der Gallaschen Truppen. Nach Wiedemann heißt es in dem Schreiben unter anderem: ´“.....bei dero diesen Frühling in Theils unseren Landen und Gebieten vorgenommener Einquartierung dergestalt mit den Unterthanen verfahren, die Kirchen erbrochen und spoliirt (beraubt), die Glocken ausgehoben, zerschlagen und verkauft, adelige und andere Todtengräber eröffnet und violiert (geschändet), ganze Dörfer, adelige Häuser und Wohnungen vorsätzlich in Brand gestecket und welches das Aergste, wenn die Unterthanen, so sich in den Morästen und Wäldern verstecket, das Feuer zu löschen und ihre Häuser zu retten, herbeigelaufen, wie die Hunde niedergeschossen, tödtlich und sonsten verwundet, Manns- und Weibspersonen wie auch Kinder in Backofen versperrt, Feuer davor gemacht, darauf bis in den Tod um Geld gemartert, geschmaucht, theils in Rauch aufgehängt, vielen die Waden auf-, ja etlichen die Riemen aus dem Leibe geschnitten; etlichen hat man die Backen aufgeschnitten, die Zunge dadurch gezogen, gleichfalls durchgeschnitten und einen Knebel davor gelegt, Ohren abgeschnitten u. s. w.'. 1644/45 wurde unsere Gegend nochmals Kriegsschauplatz, als Dänen und Schweden sich erzürnt hatten. Schwedische Truppen unter Königsmarck durchzogen Wilstedt. Die Stifte Bremen und Verden wurden schwedisch. 1646 kam es zu letzten Kampfhandlungen in unserem Gebiet. Zwei Jahre später läuteten die Glocken den Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück ein. Unsere Gegend wurde Schweden zugesprochen. Bremen blieb jedoch, sehr zum Kummer der Schweden, freie Reichsstadt. 1657 gab es Unruhe durch den schwedisch-dänischen Krieg. 1666 versuchten die Schweden im ,,Bremer Krieg' die Hansestadt zu vereinnahmen. Das Unternehmen misslang. Diese Kriege, Viehseuchen und Missernten forderten von den Einwohnern unserer Heimat schwere Opfer. Viele Höfe wurden wüst. Königin Christina von Schweden, Gustav Adolfs Tochter, wurde Herzogin von Bremen und Verden und damit Landesherrin für unseren Bezirk. Das Königin-Christinen-Haus in Zeven ist ein Zeuge jener Zeit.

Im Ottersbergischen „Jorde Boken' von 1706 werden die folgenden acht Inhaber von Höfen in Wilstedt genannt: Tamke Tietjen (Inh. der Mühle), Cordt Maneken, Peter Röhr, Tambke Cordes, Hinrich Rosenberg, Hinrich Bokellmann, Claus Freese und Gretie Cordes.

Im Nordischen Krieg (1700-1721) verloren die Schweden ihre Vormachtstellung in unserem Gebiet. Die Dänen versuchten abermals, die Herzogtümer Bremen und Verden an sich zu reißen. Kurhannover wehrte sich dagegen. Es kaufte schließlich den Dänen und Schweden ihre Rechte und Ansprüche für Geld ab. 1715 kam damit auch unser Heimatort zu Hannover. Dieses stand schon seit 1714 in Personalunion mit England, die bis 1837 dauerte. Georg I. war als hannoverscher Landesherr König von England. Jene Zeit war eine friedens- und segensreiche. Hannover war bemüht, das Bildungs-, Schul- und Kirchenwesen zu fördern, Land- und Forstwirtschaft zu verbessern, das Verkehrswesen zu heben und den Handel anzukurbeln.

1762, also unter König Georg III. von England, bestand Wilstedt außer der Mühle schon aus neun vollen Höfen, 16 Kötnern und vier Brinksitzern. In jenen Jahren begann auch die Kultivierung des Teufelsmoores unter Findorff. Die Nachbardörfer im Moor wurden gegründet. Auf den alten Land- und Heerwegen holperten die Frachtwagen und Postkutschen entlang, ritten die Briefboten. Durch Wilstedt führte keine Postkutschenlinie, wohl aber durch Vorwerk (von Hamburg über Zeven, Vorwerk, Ottersberg nach Bremen).

Im Siebenjährigen Krieg (1756-63) gab es zur Zeit Friedrichs des Großen erneut Unruhen. Ein französisches Heer rückte gegen das Kurfürstentum Hannover vor. Es wurde bei Hastenbeck (Hameln) von einem kleinen hannoverschen Heer gestellt. Durch einen widrigen Zufall verlor Prinz Wilhelm August den Sieg. Er zog sich bis in den Raum Bremervörde-Stade zurück. Die Franzosen folgten und nahmen Bremen ein. Auch die Amtsvogtei Wilstedt fiel in die Hand der französischen Truppen, deren Hauptmacht bei Zeven lagerte. In der „Convention von Closter Zeven', einem am 9. 9. 1757 abgeschlossenen Vertrag, wurde vorläufig Frieden geschlossen. Einige Monate später konnten die ungebetenen Gäste wieder vertrieben werden.

1803 brach der Krieg zwischen England und Frankreich aus. Damit begann für unsere Gegend abermals eine Leidenszeit: de Franzosentied. Bis 1805 war unser Gebiet zunächst von den Franzosen besetzt und musste das Besatzungsheer zum erheblichen Teil miternähren. Als Österreich, Russland und Schweden sich gegen Napoleon stellten, zogen sich die Franzosen nach Süden zurück. Englische, schwedische und russische Truppen rückten dann als Freunde ein. Später waren es wieder die Franzosen, darauf die Preußen und abermals die Scharen des Korsen, die unsere Heimat in ihre Gewalt nahmen. 1810 gehörte Wilstedt zum Königreich Westfalen, das von dem „König Lustig', Jerom, dem Bruder Napoleons, regiert wurde. 1811 zählte unser Ort 320 Einwohner. Die Verwaltung wurde französisiert. Die althergebrachte Unterverwaltung, die Amtsvogtei Wilstedt, wurde aufgehoben. 1811 wurde mit dem streckenweisen Bau der „Kaiserstraße' von Paris über Bremen, Hamburg nach Lübeck begonnen. Die Bauern hatten Hand- und Spanndienste zu leisten, Rekruten wurden ausgehoben und in die franz. Armee, gesteckt. Als die „Große Armee' 1812 gegen Russland zog, setzte sie viele Bauern unserer Gegend als Nachschubfahrer ein. In Ottersberg wurde fast täglich ein Park von 200 Wagen aufgestellt und mit Kriegsmaterial gen Osten geschickt. Höchstwahrscheinlich sahen auch einzelne Wilstedter als franz. Soldaten den Brand von Moskau. Die meisten überlebten den Rückzug nicht. Noch mehrmals wiederholten sich Durchzüge in unserem Gebiet. 1814 beendete der erste Pariser Friede den Krieg. Das Kurfürstentum Hannover wurde Königreich, bis es 1866 nach der Schlacht bei Langensalza seine Selbständigkeit an Preußen verlor.

1825 wurde das Gemeinheits-Teilungs-Gesetz erlassen, damit begann die Agrarreform. 1831-33 folgten die Ablösungsgesetze und 1842 das Verkoppelungsgesetz. Wilstedt besaß damals (1823) 66 Feuerstellen (Wohnungen) mit 393 Einwohnern. Der Allmendegrund in der Wilstedter Feldmark, die Wullenheide, das Moor, der Wald und andere Ödlandflächen wurden aufgeteilt. Der Dorfhirte, die Kuh- und Schafherden und der Ton der Kuhglocken verschwanden aus dem Dorfbild. Nach den Ablösungsgesetzen konnten die uralten Grundabgaben, Meierzins und Dienstleistungen zum 25fachen Betrag des in Geld umgerechneten Leistungswertes abgelöst werden. Der bäuerliche Grundbesitz wurde damit freies Eigentum.

In den vierziger Jahren entwickelte sich Wilstedtermoor. Die Kolonisationsbehörden wollten die Ansiedlung wieder abbauen lassen, weil sie diese nicht für lebensfähig hielten. Frische Tatkraft und zähe Ausdauer verhalfen jedoch den Siedlern zu einer Existenz. Sie trieben Landwirtschaft, bauten Buchweizen und Brandroggen an, züchteten Vieh und gruben Torf zum Verkauf. Diesen transportierten sie im Treidelzug auf dem Schiffsgraben entlang, dann in die Wörpe und Wümme nach Bremen hinein. Um 1860 wurden folgende Einwohner genannt: Hinrich Kahrs (Nr. 89), Friedrich Steller (Nr. 90), Heinrich Behrens (Nr. 91), Claus Meyer (Nr. 92), Albert Brünings (93), Lüer Krentzel (94) und Diedrich Bellmann (95). Im Jahre 1871 bestand Wilstedtermoor aus 9 Wohnstellen mit 53 Einwohnern. 1848 hatte Wilstedt mit Wilstedtermoor 85 Wohngebäude und 528 Bürger, 1867 waren es 585 Einwohner und 1871 96 Häuser mit 575 Bewohnern. Acht Höfe besaßen je 300 bis 366 Morgen Grundbesitz, 13 kleinere Höfe und Kötnereien je 100 bis 288 Morgen.

Mit dem Anwachsen der Ortschaft steigerte sich auch der Verkehr, ein Ausbau der Verkehrswege wurde notwendig. 1877 entstand die Straße nach Tarmstedt. 1914-17 wurde die Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn gebaut. Leider führte man sie nur bis Wilstedt und nicht bis nach Bremen über Sagehorn weiter, wie es ursprünglich geplant war. So hat unser Dorf einen Sackbahnhof. Über die Kleinbahn „Jan Reiners' von Tarmstedt nach Bremen hatten Reisende Anschluss nach der nahen Hansestadt. Diese Kleinbahn, 1900 erbaut, musste aber am 30. 1. 1956 stillgelegt werden, weil sie sich nicht mehr rentierte. Busse der Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn lösten sie ab.

Während der beiden Weltkriege fiel mancher Wilstedter Sohn auf den Schlachtfeldern Europas. 

*) Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Die Lebensbeschreibungen des hl. Willibrord, Gregors von Utrecht, Liudgers und Willehads von Bremen. Übersetzt von W. Wattenbach, G. Grandaur, M. Laurent, Alfred Lorentz. Leipzig, 1941, Seite 115 f.


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